Aude Le Corff – Bäume reisen nachts posted by on 30. Mai 2014

Wie gehen Kinder damit um, wenn die Mutter in ihren jungen Jahren einfach abhaut? So etwas ist schwer verdaubar, vielleicht für immer ein Schmerz, der nie aufhört. Die kleine 8jährige Manon geht damit ganz eigen um. Wie, das erfährt der Leser im Buch „Bäume reisen nachts“ von Aude Le Corff.

Autor: Aude Le Corff
Titel: Bäume reisen nachts
Genre: Drama, Roman
Verlag: Suhrkamp Insel
Erscheinungsdatum: 10.03.2014
Taschenbuch: 201 Seiten
Preis: 12,99 €

Die kleine Manon verbringt seit Monaten ihre Tage allein im Garten unter ihrer Birke, sie redet hier mit den Ameisen und den Katzen, die sie zu lieben scheinen. Denn ihre Mutter ist eines Tages einfachso aus ihrem Leben verschwunden, ab und davon. Sie freundet sich mit dem alten Nachbarn Anatole an und verbringt fortan ihre Nachmittage bei ihm, wo er ihr aus dem Buch „Der kleine Prinz“ vorliest. Ihr Vater Pierre und auch die Schwester der Mutter Sophie vermögen nicht, an das Mädchen heranzukommen, nur Anatole schafft das. Eines Tages erhalten die Familienmitglieder überraschend Post von der Mutter. Gemeinsam machen sich alle auf die Reise quer durch Europa, ein Abenteuer, das es in sich hat.

Ganz am Anfang erfährt man gar nicht viel über Manon bzw. von ihr selbst, eher von den Mitmenschen um sie herum. Jeder hat eine andere Ansicht und sieht sie mit anderen Augen. Bis sie selbst gedanklich einmal zu Wort kommt, weiß man eigentlich schon sehr gut Bescheid, was mit ihr los ist. Man hat das Mädchen sofort ins Herz geschlossen, es ist ein schlaues, kleines Köpfchen. Sie versteht viel und nimmt auch alles recht schnell auf. Man runzelt besorgt die Stirn, da Manon bereits Zwangsstörungen entwickelt hat, wie z.B. die Katze zwei mal über den Kopf und fünf mal über den Rücken zu streicheln und andere diverse Dinge. Diese treten ja oft auf, wenn sich ein entscheidendes Ereignis im Leben auftut und eine Veränderung stattfand.

Als Manon auf Anatole trifft, welcher sie interessiert angesprochen hatte, entwickelt sich hier eine ganz besondere Freundschaft zwischen sehr jung und alt – auch er hat seine Zwangsstörungen, er hat einen Kontrollzwang und alles muss routiniert verlaufen und am Platz sein. Fortan sind die beiden nachmittags immer zusammen. Er liest ihr nicht nur aus dem Buch vor, sie unterhalten sich auch über den Sinn mancher Dinge und dem Leben. Es dauert zwar, bis Manon sich immer mehr anvertraut, aber man spürt die Tiefe der außergewöhnlichen Freundschaft. Es ist so ein großer Altersunterschied und doch sind die beiden sich gleich irgendwo. Außenstehend könnte das wohl als Opa und Enkelin gesehen werden, Anatole ist der Opa, den Manon nie hatte und gehört ab sofort zur Familie. Vielleicht sieht er ja auch in Manon das Kind, welches er nie hatte?

Im Grunde helfen die beiden sich mit ihren Gesprächen gegenseitig – er erkennt sich in ihr wieder, hat das meiste vom Leben schon hinter sich und möchte sie vor Schmerz bewahren, durch sie lernt er den Mann auch besser kennen, der er einmal war.

Manons Vater kommt einem eigentlich total unsympathisch vor, dabei ist er nur ein armer, von der Frau verlassener Mann, der nicht mit seinem Schmerz umzugehen weiß. Trotzdem ist es unverantwortlich wie er lebt und sich nicht vor seiner jungen Tochter zusammennimmt. Auch seine Handlungen sind etwas sehr überzogen und überstürzt.

In diesem Buch erfährt man einiges über das Leben, wie es laufen kann und was passiert. Es sind die Gedanken zwischen den Zeilen, die einen grübeln lassen. In diesem Buch ist so viel Tiefgründigkeit versteckt, dass es einem eigentlich Tränen in die Augen hauen müsste – dabei ist es so wundervoll geschrieben, dass man auch gleich in der Geschichte drin war, als wäre man selbst dabei. Die Autorin hat den Leser gleich zu Anfang in ihren Fängen und durch die verschiedenen Sichtweisen erfährt man mehr und möchte auch gar nicht mehr aufhören zu lesen.

Ein wunderbar geschriebener Roman, in welchem jede Person durchleuchtet wird, in welchem alle Situationen, bildlich geschildert werden. Er entführt den Leser auf eine dramatische und doch schöne Reise, zeigt ihm eine außergewöhnliche Freundschaft und nimmt einen auf eine Reise mit, die man so vor Augen hat, als wäre man selbst unterwegs. Von mir eine klare Leseempfehlung!

5 von 5 Punkten

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