Anna Seidl – Es wird keine Helden geben posted by on 19. Januar 2014

Ein Amoklauf ist so ziemlich das Schlimmste, was an einer Schule passieren kann. Doch haben wir uns einmal gefragt, wie es denjenigen danach geht, die das überlebt haben? Keiner redet über diese Personen, nur über die Opfer und den Täter. Was machen die Leute, die das zu verarbeiten haben? Ist das überhaupt möglich, so etwas aus dem Gedächtnis herauszulöschen? Die Autorin Anna Seidl, die das Buch bereits mit 16 Jahren (!) geschrieben hat, beschreibt genau so ein Szenario einer Überlebenden, die ihren Freund dabei verloren hat.

Autor: Anna Seidl
Titel: Es wird keine Helden geben
Verlag: Oetinger
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 20.01.2014
Gebunden: 256 Seiten
Preis: 14,95 €

Miriam hätte beinahe verschlafen – aber nur beinahe, da ihr Freund ihr eine SMS gesendet hatte, dass Montag ist. Kurz nachdem es zur Pause geläutet hat in ihrer Schule, bricht das Chaos los. Sie und ihre beste Freundin hören Schüsse und verschwinden auf die Jungentoilette. Sie haben Glück und überleben die Tragödie – Miriams Freund Tobi aber leider nicht. Miriam fragt sich derweil, ob das Leben ohne Tobi und mit den ganzen Alpträumen überhaupt noch einen Sinn hat. Wer war Schuld an der Katastrophe?

 Die Autorin beschreibt am Anfang gar keine große Einführung, man ist direkt mitten im Geschehen – und das so, dass man sich kaum losreissen mag. So traurig das Thema auch ist, so fesselnd ist der Schreibstil der Autorin Anna Seidl.

 Man könnte die Protagonistin jetzt als gefühlskalt hinstellen, aber seien wir mal ehrlich – würden wir in erster Linie nicht auch erst an uns selbst denken, wenn unser Leben in Gefahr ist? Alle sagen immer, sie würden den Opfern helfen, keine Frage. Was aber, wenn sie nicht darüber reden sondern wirklich selbst einmal in solch einer Situation sind? Meiner Meinung nach, wird man sich da keine große Gedanken um alles andere machen, sondern die Angst um das eigene Überleben siegt. Gesagt sind Dinge immer leicht.

 Miriam verfällt nach dieser Tragödie in eine apathische Stimmung und ihr ist alles egal, es entsteht eine große Gleichgültigkeit. Man kann es ihr nicht ganz verdenken, denn um so etwas zu verarbeiten, benötigt es wohl große Kraft. Wenn sie Schmerz verspürt, hält sie das „am Leben“. Man merkt sofort, dass sie sich große Schuldgefühle macht – ist das eine normale Wendung nach so einem Erlebnis oder individuell? Vermutlich hat so etwas auch mit dem eigenen Charakter zu tun, spurlos geht so etwas aber mit Sicherheit an keinem vorüber.

Der Roman macht deutlich, wie schrecklich so etwas ist und lässt einen darüber nachdenken. Wenn einem selber so etwas noch nie passiert ist, macht man sich kaum groß Gedanken darüber. Klar, man liest darüber und ist schockiert, irgendwann verschwindet das aber wieder aus dem Gedächtnis. Ganz anders bei den Betroffenen – wie gehen diese damit um? Das Buch regt zum Nachdenken in diese Richtung an und versetzt einem ganz neue Denkanstöße. Man ist sich gleich noch einmals bewusst, wie schnell sich alles schlagartig ändern kann, von einer Minute auf die andere.

Das Buch an sich ist leicht zu lesen, es ist aber keineswegs eine leichte Lektüre. Sie reisst mit, regt einen zum Nachdenken an und von den mitfühlenden Gedanken ganz zu schweigen. Beim Lesen kommt man sich fast vor, als wäre man selbst mittendrin.

Es geht hier nicht um den Amoklauf an sich, dieser ist schnell „abgehandelt“, gleich am Anfang. Vielmehr geht es hierum, wie die zurückgebliebenen Opfer bzw. Überlebenden damit umgehen, wie sie weiterleben. Es geht um die Schuldgefühle gegenüber dem Täter, was er gemacht hat und ob man es verhindern hätte können. Besonders auf die Gedanken der Protagonistin wird hier eingegangen, denn auch sie war nicht nett zum Täter. Man sieht ihn in einem anderem Licht, er tut selbst dem Leser leid. Er hat vieles durchmachen müssen, viele Gemeinheiten – was einmal gesagt wurde, kann man nicht zurücknehmen und brennt sich bei dem Betroffenen ein. Wie man in den Medien erkennen kann, sehen viele hier keinen Ausweg mehr, außer sich das Leben zu nehmen. Wie in mittlerweile vielen Fällen, nehmen sie hier gleich noch andere mit in den Tod, zahlen ihnen die Gemeinheiten heim.

  Das ganze Buch über war mir persönlich die Protagonistin nicht ganz so sympathisch. Klar, sie ist ein normaler Teenager, die von einem Tag in den nächsten Leben und sich nicht so viel Gedanken um das Gesagte und Getane machen. Dennoch hat sie einen Charakterzug, der mir nicht so gut gefällt – trotzdem tut sie einem leid und man bewundert sie doch sehr für ihre Stärke, die hinter der eigentlichen Schwäche liegt. Sie wird durch die ganze Tat reifer und handelt überlegter, macht sich Gedanken, wie sie sich ändern und auch anderes ändern kann.

 Durch sie beobachtet der Leser, durch sie erhält er Einblick in eine graue, kalte Welt – in der nichts mehr so ist, wie es zuvor war. Wie würden wir selber damit leben? Würden wir auch ein Leben lang mit Schuldgefühlen herumrennen und uns fragen, wie man das hätte verhindern können? Kann man so etwas überhaupt? Meiner Meinung nach nicht, die Dinge gehen ihren Lauf. Man kann bewusster mit Dingen umgehen und vorher überlegen, was man sagt und vor allem wie man es sagt – einen kleinen Einfluss hat man hierauf dann doch.

 Die Autorin hat zwischendurch immer wieder Rückblenden in glücklichere Zeiten der Protagonistin eingebaut. Hier merkt man deutlich, wie jung diese doch erst ist. Es zeig ein ganz normales Leben einer Teenagerin, welches durch das Ereignis total aus den Fugen geraten ist. Was mich etwas verwirrt hat, waren die Eltern der Protagonistin bzw. wie sie diese genannt hat. Der Roman spielt weder in Amerika noch sind die Charaktere oder die Autorin Amerikaner, und doch nennt die Protagonistin ihre Eltern Mom und Dad. Stört aber nicht!

 Am Ende lässt das Geschriebene einen nachdenklich, betroffen und mitfühlend zurück. Es ist wirklich sehr imponierend, was die nun heute 18jährige Autorin mit 16 Jahren auf die Beine gestellt hat – ein großes Lob an ihr schriftstellerisches Können an dieser Stelle!

 Wer also gern etwas nachdenkliches, tiefgründiges mit aktuellem Thema liest und sich nicht vom Thema Amoklauf abschrecken lässt, ist hier an der richtigen Stelle. Aber vorsichtig – es könnten einige Tränen kullern!

4 von 5 Punkten

Jojo Moyes – Ein ganzes halbes Jahr posted by on 17. September 2013

Die wahre Liebe – gibt es sie? Wie entwickelt sie sich – ist sie sofort da oder braucht so etwas Zeit? Die meisten Menschen glauben nicht einmal mehr an diese. Sie leben in den Tag hinein, haben zwar einen Partner, aber das ist mehr Gewohnheit als Liebe. Was wird, wenn ihr ganzes Leben durcheinander gebracht wird wenn sie die wahre Liebe treffen? Die wundersame Geschichte zwischen Louisa und Will braucht auch ihre Zeit. Die Autorin lässt im Roman „Ein ganzes halbes Jahr“ zwei grundverschiedene Menschen aufeinander treffen…

Autor: Jojo Moyes
Titel: Ein ganes halbes Jahr
Genre: Drama, Unterhaltung
Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 21.03.2013
Broschiert: 512 Seiten
Preis: 14,99 € – 15.50 € (AT)
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Louisa hat einen sehr komischen Modegeschmack und sie geht nie aus ihrer Heimatstadt raus. Sie arbeitet, seit sie die Ausbildung abgebrochen hat, in einem kleinen Kaffee. Hier fühlt sie sich wohl, da ist sie zuhause. Sie hat einen Freund, den sie zwar nicht wirklich liebt, aber sie fühlt sich wohl. Auf einmal wird das Cafe geschlossen und Louisa ist arbeitslos.

Dann gibt es da Will – durch einen Unfall sitzt er nun im Rollstuhl und ist auf fremde Hilfe angewiesen. Sein Lebenswille war noch nie so weit weg wie jetzt. Durch eine Stellenausschreibung wird ihm Louisa als Helferin zugeteilt und die zwei lernen sich hassen und lieben, je nachdem. Es wird ein langer Weg bis die zwei sich miteinander verstehen….

Man lernt hier erst die Charaktere kennen. Will wie er vorher war, als der Unfall war und wie er danach ist. Louisa lernen wir kennen, als sie gerade ihren Job verliert. Es sind zwei grundverschiedene Personen und sie scheinen sich auch gar nicht zu mögen auf den ersten Blick. Schaut man aber genauer hin, merkt man, dass es zwischen den beiden richtig knistert. Lousisas Freund Patrick, der übrigens sehr egoistisch und ein Arsch ist, ist mit recht eifersüchtig auf den gutaussehenden Mann im Rollstuhl.

Dass hier der Freund ein gut gebauter Athlet und Sportler ist, der zudem Fitnesstrainer ist und Will, der zwar gut aussieht, aber im Rollstuhl sitzt und so gar nichts ohne fremde Hilfe tun kann, ist bestimmt Absicht der Autorin. Es zeigt, dass die Liebe nicht nur auf das Aussehen und Können fällt, die Chemie zwischen den Menschen muss stimmen, so auch die Unterhaltungen und wie man miteinander umgeht und sich zwischenmenschlich versteht. Durch das nur auf sich selbst schauen, wie es Patrick tut, vergrault man die anderen eher.

Die Handlung zieht sich in diesem Buch zwar etwas hin, das muss aber so sein. Anders kann die Geschichte nicht erzählt werden. Wenn man erst mal soweit ist und weiß, was Will vor hat, kann man gar nicht mehr anders, als Zeile um Zeile zu lesen. Man springt fast von Seite zu Seite – nur um zu sehen, wie die Geschichte ausgeht und ob die beiden sich ineinander verlieben – denn das Knistern ist unwiderruflich vorhanden.

Der Schreibstil ist schön locker und lädt ein, nicht mehr mit dem Lesen aufzuhören. Da schaut man einmal auf die Uhr und schon ist wieder eine Stunde bei Will und Louisa vergangen. Will mag einem am Anfang unsympathisch erscheinen, weiß man aber erst einmal mehr über ihn, wächst er einem sehr ans Herz. So auch Louisa, wie komisch sie auch sein mag. Man denkt erst, sie ist ein naives Landmädchen und hat nichts im Kopf – weit gefehlt, sie hat ihre Stärken und diese bringt sie auch richtig durch.

Es ist nicht eine Liebesgeschichte wie man sie erwartet und irgendwie fehlt auch der Pep, trotzdem kann man nicht aufhören zu lesen und muss einfach wissen, wie es ausgeht. Wird Will das durchziehen, was er vor hat oder schafft Louisa, was sie sich vorgenommen hat? Wenn man die Geschichte aufmerksam verfolgt, kann man sich schon gleich zu Anfang denken, was passiert und wie es ausgeht.

Das Buch zeigt einem, wie verschiedener die Welten nicht sein können und was passiert, wenn sie aufeinander treffen, die langsame Annäherung, das Verständnis und der Umgang. Es ist sehr gefühlvoll geschrieben und lässt einen auch mit den Protagonisten mitfühlen, wer hier jedoch laut den anderen Rezensionen ein Rotz und Wasser heulen erwartet – ich habe es nicht getan, die eine oder andere Träne ging fließen, aber so ganz schlimm wie es viele beschreiben, war es dann doch nicht.

Lesern, die sich gern Gefühlvolles zu Herze nehmen und sich hier ganz in eine dramatische, wenn auch andere Liebesgeschichte versinken lassen mögen, sind mit diesem Roman bestens bedient und werden auch danach noch etwas zu denken haben!

4 von 5 Punkten

Kate Atkinson – Die Unvollendete posted by on 13. September 2013

„Was wäre, wenn….?“ – Diese Frage stellt sich ein jeder von uns. Wie hätten wir gehandelt, könnten wir unser Leben korrigieren, verändern? Wäre es dann besser oder noch schlimmer geworden? Die Frage muss sich die Protagonistin des Romans von Kate Atkinson nicht stellen, denn ihr ist die Gabe gegeben, ihr Leben immer wieder zu korrigieren.

Autor: Kate Atkinson
Titel: Die Unvollendete
Genre: Unterhaltung, Drama, Fantasy
Verlag: Droemer
Erscheinungsdatum: 02.09.2013
Gebunden: 592 Seiten
Preis:  19,99 €

Ursula Todd lebt ihr Leben nach ihren Vorstellungen – denn anders wie andere kann sie es verändern, sie kann es korrigieren. Sie kann jeden Fehler beseitigen – doch wird das Leben dadurch besser? Auch sie erlebt, Verrat, Krieg und Tod. Wofür ist diese Gabe also gut? Kann man denn sein Leben überhaupt fehlerlos leben? Sie versucht es und lässt den Leser daran teilhaben.

Man erfährt gleich anfangs, wie Ursula geboren wird. Sie hat zwei Geschwister, erhält noch ein Brüderchen dazu. Im Jahre 1910 kommt sie zur Welt, stirbt fast dabei, bekommt aber nochmal eine Chance. Ihr ist es in die Wiege gelegt worden, Dinge zu verändern. Sie kann ihr Leben korrigieren, ihre Fehler ausradieren. Anfangs merkt der Leser von dieser Gabe noch nichts, es wird eher ihr Umfeld beschrieben. Mehr erfährt man von ihrer Familie und Freunde, als von ihr selbst.

Die Zeitsprünge sind manchmal etwas krass, sie gehen vor und zurück, nicht chronologisch. Man muss schon auf das Lesen konzentriert bleiben, denn eine leichte Lektüre ist dies keinefalls.

Auch der Schreibstil ist etwas kompliziert, einerseits leicht und dann wieder in gehobener Sprache mit Metaphern. Man muss schon bei der Sache sein, um auch alles klar zu verstehen. Dem Leser wird durch die Zeilen hindurch die Botschaft gegeben, dass man sein Leben nutzen sollte, wie es einem in den Schoß fällt. Trotzdem fragt man sich ständig, was man wohl tun würde, könnte man Fehler beseitigen. Würde man dann schwereloser durch die Welt gehen?

Man merkt schon, dass sich durch jede Korrektur im Leben von Ursula neue Fehler einschleichen. Das wäre ja, wie man vermutet – man kann ein Leben nicht perfekt führen, auch wenn man es verändert. Und – sind Fehler nicht da, um aus ihnen zu lernen? Die Erfahrungen, die man macht, sind sie für nichts gut? Man ist auf jeden Fall sehr gespannt, wie sich das Leben von Ursula durch die Korrekturen gestaltet und ob es am Ende wirklich perfekt ist – was wäre, wenn…?

Irgendwann kommt man derartig durcheinander, da Ursula immer wieder eine Korrektur ihres Lebens vornimmt – und es scheint so, als wüsste sie dann nie davon. Es ist zwar ein sehr außergewöhnlicher Roman, der einem zeigt, dass es nichts bringen mag, wenn man etwas Geschehenes ungeschehen machen würde, aber man ist dadurch so verwirrt, dass der Lesefluss immer wieder stockt. Da auch der Schreibstil etwas kompliziert ist, macht es das nicht einfacher – es behindert oft beim Lesen.

Man kommt immer wieder auf den Krieg zurück und zu den vergangenen gesellschaftlichen Schwierigkeiten. Man lernt hier die Größen des Krieges kennen, man mag fast meinen, die Autorin würde diese selbst kennen. Natürlich ist dies nur Fiktion und hätte so sein können, wäre es möglich. Im Vordergrund ist aber immernoch Ursula, um die es ja eigentlich geht und um ihre Fähigkeit, Dinge rückgängig zu machen.

Das Ende war irgendwie vorhersehbar, aber doch anders. Es könnte aber auch gar nicht anders sein, sonst wäre es blöd. Die Autorin hat mit diesem Werk zwar etwas Einzigartiges geschaffen, jedoch auch eine Stolperfalle durch den Lesefluss, was dem Buch einen Abzug gibt. Aber allein die Idee ist wirklich nicht schlecht und Hut ab, dass hier ein so schöner Roman hervorgegangen ist.

Für diejenigen, die abschalten möchten, ist dieses Werk bestimmt nichts. Hier muss man dabei sein und auch auf einiges gefasst sein – man muss richtiggehend konzentriert an die Sache gehen. Dennoch ist es ein aufschlussreiches Vergnügen für „zwischendurch“!

3 von 5 Punkten

Janna Hagedorn – Friesenherz posted by on 15. Juli 2013

Was, wenn ein Urlaub alles verändert? Erst ins Schöne, dann ins Schlechte? Die Erfahrung dürfen die zwei Frauen im Roman „Friesenherz“ von Janna Hagedorn machen. Wie sie damit umgehen, erzählt die Geschichte der beiden auf der Nordsee.

Autor: Janna Hagedorn
Titel: Friesenherz
Genre: Unterhaltung, Drama
Verlag: Diana Verlag
Erscheinungsdatum: 08.07.2013
Taschenbuch: 320 Seiten
Preis: 14,99 €

Maike bekommt von ihrem Mann Torge eine Reise geschenkt in ein Wellnesshotel. Dort auf der Nordseeinsel lernt sie die Künstlerin Ann kennen und freundet sich mit ihr an. Beide können nicht grundsätzlicher sein – Maike eine Lehrerin, die ein geregeltes Leben führt und Ann, die noch sehr jugendlich ist, aber die Vier auch schon überschritten hat. Sie verstehen sich zwar nicht sofort, aber sie beginnen bald eine tolle Freundschaft miteinander, die jedoch nach einer Zeit sehr getrübt wird, da sie feststellen müssen, dass sie weitaus mehr verbindet, als ihnen lieb ist…

Zu Anfang lernt man die Lehrerin Maike kennen, die ihren Urlaub von ihrem Mann zum Vierzigsten erhalten hat. Sie ist zwar nicht froh darüber, aber macht das Beste daraus. Bei ihr merkt man gleich, dass sie eine Person ist, die Ordnung liebt und die Routine. Sie fühlt sich auf dieser Insel etwas fehl am Platze und das merkt auch der Leser zwischen den Zeilen. Maike hat sogar Probleme damit, Leute zu duzen. Vielleicht ist sie zu lange in dem Leben der Sie-Sagerinnen gehangen?

Ann dagegen ist eine lockere Person, die offen ist für alles mögliche. Das merkt man auch schon in den ersten Zügen, sie ist hier die etwas zugänglichere der beiden. Das erste Treffen der beiden verläuft nicht gerade freundschaftlich, Maike hat irgendwas gegen Ann. Es entwickelt sich aber alles ganz anders und die beiden kommen doch noch zueinander.

Schön bildlich beschreibt die Autorin die weiteren Vorgänge, wie die zwei durch ihren Urlaub stapfen und sich näher kommen. Der Leser hat jede Szene klar vor Augen, das Kopfkino macht hier schön mit. Man liest und liest und merkt gar nicht, wie man gut vorankommt, bis man doch einige Seiten weg hat und verwundert ist, wie viele es doch geworden sind.

Das Buch wird eine Abwechslung zu anderer Lektüre sein, dies merkt man gleich. Man wird mit Maike in ein Abenteuer geworfen, in etwas Unbestimmtes, das einem am Anfang vielleicht noch nicht ganz so ansprechen mag. Trotzdem ist hier die Neugier, was wohl im weiteren Verlauf des Buches noch passiert. Wie sich die zwei annähen und vor allem wie das funktionieren soll, da sie sich ja anfangs nicht so gut riechen können. Die Beschreibungen der Autorin lassen den Leser regelrecht in einem Fluss lesen, der nicht mehr aufhört.

Es ist eine etwas ganz andere Spannung, eine welche Krimis etc. nicht haben. Es ist eher die zwischenmenschliche Spannung, wie sich hier alles entwickelt und was es noch geheimnisvolles zwischen den beiden entwickeln mag, was herauskommt. Die Geschichte birg jede Menge Geheimnisse, die sich erst nach und nach entfalten.

Der Roman kann sich nicht vergleichen lassen mit Krimis, auch nicht mit Horror oder Fantasy – es ist schlicht und einfach ein Gesellschaftsroman, ein Drama – welches es aber in sich hat. Wenn man denkt, hier fehle die Spannung, ist man weit daneben. Die Spannung ist durchaus da, sie wird auch weiter gesponnen von Zeile zu Zeile. Es ist nur eine andere Spannung als die, welche in Krimis etc. verwendet wird. Hier geht es um zwei Frauen und ihr Schicksal, wie sie sich wiederfinden und was sie aus den neuen Erkenntnissen machen.

Der Schreibstil der Autorin lässt den Leser immer tiefer in die Materie eintauchen und sich ganz selbstvergessen wieder in der Geschichte von Maike und Ann finden, wie diese zu sich finden und Probleme bewältigen. Ein Urlaub auf der Nordseeinsel kann einem ganz schön die Augen öffnen!

Es gibt kleine Längen in diesem Roman, aber diese sind eigentlich kaum der Rede wert. Manches hätte auch einfach weggelassen werden, da es zur Handlung nicht viel beiträgt. Aber wer weiß, wie es ohne diese Dinge wäre?

Ein Meisterwerk, das die Gefühle des Lesers Achterbahn fahren lässt – empfehlenswert, welche nicht einfach nur dahinplätschern möchten bei Lesen der Lektüre, sondern sich sehr tief darin vergraben und erst wieder auftauchen, wenn es endet!

4 von 5 Punkten

Anna Radovani – Der Walnussbaum posted by on 1. Mai 2013

Jeder verbindet einen Gegenstand, ein Lied, eine Situation oder was auch immer mit einigen Erinnerungen. Im Roman „Der Walnussbaum“ von Anna Radovani ist ein Walnussbaum enorm wichtig für die Protagonistin, mit diesem läuft alles zusammen.

Autor: Anna Radovani
Titel: Der Walnussbaum
Genre: Unterhaltung, Drama
eBook: 312 Seiten
Preis: 2,87 €

Die junge Kroatin Nella lernt 1980 den sympathischen Nik kennen und verliebt sich auch sogleich in ihn. Gleichzeitig herrscht hier aber der Krieg – schafft es ihre Liebe diesen zu überstehen? Auch Ereignisse aus der Vergangenheit machen ihr hier zu schaffen und Nella muss sich entscheiden: Für den Kampf für Freiheit oder für die Liebe ihres Lebens.

Anfangs ist einem nicht gleich klar, was es mit dem Baum auf sich hat. Nach einigen Seiten wird aber schnell klar, dass dieser ein großes Lebensereignis von Nella darstellt. Ihm erzählt sie ihre Träume, Wünsche und vertraut sich ihm ganz an. Zudem erinnert er sie an ihren Großvater, der verstorben ist. Dieser hat den Baum einmal gepflanzt. So nimmt die Geschichte ihren Lauf, dass Nella Nik kennenlernt. Ab diesem Zeitpunkt beginnt eine wunderbare Liebe, die fast greifbar durch die Zeilen erscheint – man fühlt fast selbst die Schmetterlinge im Bauch.

Nella ist eine sympathische junge Dame, die sich viel vom Leben erhofft und nicht gern zurückblickt. Keiner kann es ihr verübeln – war ihre Kindheit ja nicht so leicht, denn ihre Eltern haben für die Freiheit gekämpft, waren im Gefängnis und sind dann irgendwann ausgewandert, ohne sie. Ab diesem Zeitpunkt wuchs Nella bei ihrer Oma auf, die zwei verbindet ein inniges Verhältnis.

Nik ist erst undurchschaubar, scheint aber ein sehr netter Kerl zu sein. Die zwei scheinen zusammenzupassen wie die Faust aufs Auge und man wünscht ihnen nur das Beste. Wie er Nella seine Liebe bekundet könnte fast aus einem unserer geheimsten Träume sein.

Überhaupt alle Personen in diesem Roman sind zum Greifen nahe gezeichnet, man sieht sie fast vor sich, denn durch die wunderbare Erzählweise der Autorin ist man wirklich mittendrin. Der Schreibstil ist locker gehalten und auch durch die leichten Kapitel ist das Lesen an sich selbst schnell voranbringend. Zwischendurch wird es leider etwas langatmig, da nichts zu passieren scheint und die Geschichte stellenweise vor sich hinplätschert. Es geht aber wieder bergauf und zieht den Leser von Neuem in den Sog hinein.

Wer nicht glaubt, dass selbst eine Liebesgeschichte mitreissend sein kann, der muss sich das Buch vornehmen und es von Anfang bis zu Ende lesen, auch Tränen bleiben hier nicht fern, könnte sogar ein ganzer Bach werden.

Empfehlenswert an alle Leser, die gerne bei der Geschichte dabei sind und das nicht nur als ferne Zuschauer, sondern mittendrin. Für diejenigen unter uns, die Liebesgeschichten mit geschichtlichem Hintergrund zusagen, ist es ein gefundenes Lesefutter!

4 von 5 Punkten

Lucy Clarke – Die Landkarte der Liebe posted by on 19. März 2013

Ein Familienmitglied zu verlieren ist nie schön. Noch unschöner ist es, wenn einem hinterher Sachen einfallen, die man noch so gerne sagen hätte wollen und es nie konnte – jetzt ist es zu spät! Vor allem wenn der geliebte Mensch Selbstmord beging, was man wiederum gar nicht verstehen konnte. Dann fängt das große Nachdenken an, wieso und weshalb, dem Menschen ging es doch eigentlich gut – oder doch nicht? Genau in so einer verzwickten Situation befindet sich die Protagonistin in Lucy Clarkes Roman „Die Landkarte der Liebe“, in welchem sie die Pfade ihrer Schwester nachwandert und dem Geheimnis auf die Spur kommt anhand des Reisetagebuches…

Autor: Lucy Clarke
Titel: Die Landkarte der Liebe
Originaltitel: Riding Seahorses
Verlag: Piper
Genre: unterhaltung /Drama
Erscheinungsdatum: 09.10.2012
Kartoniert: 352 Seiten
Preis: 9,99 €

Katie bleibt nur ein meerblaues Reisetagebuch ihrer Schwester, denn diese hat sich in Bali von der Klippe gestürzt – scheinbar. Das glaubt Katie aber nicht und versucht, dem Geheimnis des Todes ihrer Schwester auf den Grund zu gehen. Hierzu hat sie deren Reisetagebuch, nach dem sie sich orientieren kann und die Reiseroute ihrer kleinen Schwester, als diese eine Reise rund um die Welt macht. Katie geht die Route nach in den Stapfen ihrer Schwester und versucht aufzudecken, wie sie gestorben ist, da es niemals Selbstmord gewesen sein kann. So entziffert Katie kurzerhand die Landkarte der Liebe ihrer Schwester…

Das Buch hat einen gleich in seinen Zeilen – man lernt Katie kennen, aber auch ihre etwas zurückhaltende Schwester Mia. Sie wird nicht oft erwähnt, aber der Leser merkt gleich, dass sie nicht gerade glücklich ist und eine Person ist, die in den nächsten Tag hineinlebt, statt zu planen. So kommt es auch, dass sie von heute auf morgen eine Reise rund über die Welt antritt mit ihrem besten Freund Finn.

Katie ist die ältere Schwester und das merkt man auch sogleich, die Autorin hat sie bildgetreu dargestellt und man hat eine ordentliche, fürsorgliche Schwester vor Augen. Anfangs merkt man nicht viel von ihrem Charakter, aber das zeigt sich nach mehr und mehr Seiten immer deutlicher. Sie ist eine mitfühlende Person, kann es aber nicht so zeigen, wie sie es gerne hätte. Sie verschließt sich etwas hinter ihrem Panzer, ist aber eine wirklich gutmütige Person.

Finn ist der beste Freund Mias. Er hilft ihr auf Schritt und Tritt – wer würde denn von heute auf morgen seinen Job kündigen und gleich so eine Reise mitmachen? Heimlich ist er in Mia verliebt, möchte es sie aber nicht spüren lassen, da es sonst diese wundervolle Freundschaft zwischen ihnen zerstören kann. Diese Geschichte haben wir schon oft gehört und trotzdem ging das meistens nach hinten los, nicht aber hier.

Das Cover und der Titel lassen auf einen entzückenden Liebesroman schließen, doch liest man den Klappentext wird einem gleich klar, dass dies kein normaler Liebesroman ist.

Der Schreibstil ist zwar leicht zu lesen, aber durch die kleine Schrift und enge Kapitel tut es sich etwas schwer. Doch bei dieser Geschichte macht selbst das dem Leser nichts, das gefühlvolle Geschehen lässt einen sofort in andere Welten abtauchen und nimmt einen gefangen. Man wandert gemeinsam mit Katie auf den Spuren ihrer Schwester, auf der Landkarte der Liebe. Gleichzeitig ist man natürlich wie auch Katie gespannt, was ihre Schwester in den Tod getrieben haben könnte und wieso sie so kurzfristig diese Reise antreten musste und von der eigentlichen Route abgewichen ist.

Später im Text wird einem vielleicht etwas klarer, wieso Mia Selbstmord gemacht hat – doch man fragt sich doch immer wieder, ob sie es wirklich getan hat und man beginnt weiter Fäden zu spinnen, was sonst schiefgelaufen ist. Wie weit muss man am Ende sein? Aus der glücklichen Mia wird eine Person, die man sehr schnell ins Herz schließt und man merkt, dass sie eigentlich gar nicht so glücklich war, wie sie einem zuvor vorkam.

Die Trauer, die Katie durchlebt – und auch alle anderen Sachen, die sie packen muss, die sie durch das Tagebuch erfährt, nimmt den Leser schon sehr mit. Man kann sich richtig in sie hineinfühlen und fragt sich, ob man auch so gehandelt hätte. Denn seien wir mal ehrlich – hätten wir diese Reise auf uns genommen? Dazu gehört schon eine gehörige Portion Mut, denn es ist nicht nur eine Reise auf Mias Weg, es ist auch eine Reise zur Selbstfindung und Aufdeckung geheimnisvoller Tatsachen, die nun den Weg ans Licht finden.

Ein wundersames, einfühlsames Lesevergnügen, das dem Leser die eine oder andere Träne hervorruft – genau das richtige für kalte, einsame Stunden!

4 von 5 Punkten

 

Lisa Ballantyne – Der Schuldige posted by on 2. März 2013

Wie oft kam es vor, dass ein Kind eines Mordes an einem anderen Kind angeklagt wurde? Und was, wenn es behauptet, unschuldig zu sein und keiner glaubt ihm? Im Roman „Der Schuldige“ von Lisa Ballantyne ist genau das der Fall – der elfjährige Sebastian wird beschuldigt einen Mord an einem achtjährigen Spielgefährten verübt zu haben. Eine traurige Geschichte über ein Kindheitstrauma sowie eines ungewöhnlichen Mordprozesses…

Autor: Lisa Ballantyne
Titel: Der Schuldige
Originaltitel: The Guilty One
Verlag: Club Premiere
Genre: Roman/Drama
Erscheinungsdatum: 2013
Seitenanzahl: 480 Seiten
Format: Gebundenes Buch
Preis: 18,99 Euro
Bereitgestellt durch BdB

Sebastian soll einen Mord verübt haben – und zwar an dem achtjährigen Ben Stokes. Der Anwalt Daniel Hunter, welcher spezialisiert ist auf Fälle von Jugendlichen, wird hinzugerufen. Einen solchen jungen Angeklagten jedoch hat er noch nie verteidigt. Er glaubt an Sebastian und setzt sich in die Sache hinein. Als er immer tiefer gräbt, wird er an seine eigene Kindheit erinnert und stellt so einiges in Frage. Er hat diese in verschiedenen Pflegefamilien verbracht. Seine Adoptivmutter Minnie spielte eine große Rolle in seinem Leben, welche er jedoch auch aus seinem Leben verbannt hat, da sie ihn bitter enttäuscht hat. Aber was hat sie getan, dass es so weit kam? Er krempelt seine ganzen Erinnerungen um und denkt darüber nach, ob das richtig war. Ist er dann überhaupt noch als Anwalt für diesen Fall geeignet, wenn er das so subjektiv sieht?

Gleich zu Beginn wird der Leser in den Sog der Geschichte hineingezogen. Es wird nicht lang drum herum geredet – man bekommt sogleich mit, wie Daniel zu diesem Fall hinzugezogen wird auf der Polizeiwache. Hier wird auch gleich Sebastian verhört und erst einmal dabehalten, da er ja scheinbar einen Mord verübt hat.

Sebastians Art ist etwas verwirrend, denn er ist gar nicht geschockt, verängstigt oder dergleichen. Er geht die Sache sachlich an und lächelt auch noch hin und wieder. Er stellt verdächtige, komische Fragen – sowohl den Anwalt als auch die Polizei. Hier denkt der Leser des Öfteren vermutlich „pssst“, aber was geht in einem Kindskopf vor, nimmt dieser das alles anders wahr als so manch andere Jugendliche oder Erwachsene?

In dem Buch wird sehr auf die Gefühlswelt der Charaktere eingegangen. Es pendelt von der Gegenwart, in welcher Daniel Sebastian verteidigt, zurück zur Verangenheit, in welcher Daniel ein schwer erziehbares Kind war und von Familie zu Familie gezogen war – bis er bei Minnie landete. Man kann sich kaum vorstellen, dass der heutige Daniel der frühere Rotzbengel war, welcher beschrieben wird. Gleichzeitig fragt man sich, wie aus so einem Menschen ein so guter Mensch werden kann?

Man merkt gleich, dass es hier weniger um den Prozess geht, er war nur der Auslöser für Daniels Gedankengänge in die Vergangenheit, was ihm alles widerfahren war. In Sebastian meint er manchmal, sich selbst zu sehen und so springt er gedanklich immer wieder in die Vergangenheit. Tatsächlich ist es so, dass es manche Paralellen gibt und der Leser diese gleich erkennt. Gleichzeitig ist einem der Junge, welcher angeklagt ist, aber doch etwas unsympathisch. Sein ganzes Verhalten gegenüber der Schuld und dem Prozess, den Leuten – es ist absurd. Hier stellt sich dann die Frage, ab wann fängt Schuld an und ist tatsächliche Schuld wirklich die Schuld des Verursachers oder ist sie nur das Ergebnis anderer Einflüsse, äußerer Umstände? Kann man jemand einfachso die Schuld zuweisen, ihn verurteilen? Wie werden Menschen, wie sie wirklich sind? Diese Fragen stellen sich dem Leser durchweg und man macht sich auch mehr Gedanken um die Hintergründe als es bei einem normalen Spannungsroman der Fall wäre. Das Ende packt einen dann nochmal richtig und hat einen Aha-Effekt parat.

Die Autorin hat einen leichten gut verständlichen Schreibstil, welchen den Leser gut ins Buch hineinkommen lässt und Seite um Seite dahinplätschert. Selbst die eigenen Gefühle sind in einem Bad aus Zweifel, Mitleid und Wut über die verschiedensten Situationen und Handlungen der Charaktere gemischt. Man wird an den Abgrund der Gefühlswelt geführt und erhält Einblicke in eine schwere, gezeichnete Kindheit. Der Roman ist keineswegs ein dahinplätscherndes Ereignis, es ist eher ein tiefgründigeres, nachdenklicheres Exemplar. Die Spannung lässt nicht nach, wie in der Gegenwart so auch in der Vergangenheit, man kommt hier nicht los.

Wer hier leichte Kost erwartet, sollte die Finger hiervon lassen. Wer eintauchen möchte in die Schuldfrage und sich klar ist, dass er hier etwas tiefgründigeres in den Händen hält und gern noch länger über einen guten Roman nachdenkt, ist hier genau richtig!

5 von 5 Punkten

Ivonne Keller – Hirngespenster posted by on 13. Januar 2013

Ein Unfall kann unser aller Leben verändern – nicht nur das eigene, sondern auch das der Mitmenschen in unserem Umfeld. Was tun, wenn man sich nicht mehr verständigen kann, aber alles mitbekommt? Keiner vermag es zu sehen, was in einem vorgeht, der sich nicht einmal mehr verständigen kann – bekommt derjenige alles mit oder vegetiert er nur vor sich hin? In ihrem gefühlvollen Roman schildert Ivonne Keller genau so eine Situation, in welchem die Personen mit all ihren eigenen Problemen zu kämpfen haben.

Zwei Schwestern – zwei Probleme. Silvie kämpft mit der Entscheidung, ob sie sich mehr zu ihrem Liebhaber hingezogen fühlt oder ihrem Mann, Anna kämpft mit ihrem Verstand und wie sie alles unter den Hut bekommt. Doch da greift das Schicksal ein und Silvie sieht sich unvermittelt in einer Lage, in der sie sich kaum mehr behaupten kann. Sie muss nach einem Unfall umsorgt werden, da sie sich in keinster Weise mehr verständigen kann noch bewegen, wie sie gerne möchte. Liebevoll kümmert sich Sabina, die Jugendliebe ihres Mannes und auch er selbst um sie – doch was macht Sabina hier? Und wieso kommt Anna nie zu Besuch, geschweige denn ihre Eltern und was ist überhaupt aus ihrem Liebhaber Jens geworden?

Gleich zu Anfang wird man in das gefühlvolle Geschehen hineingerissen. Man erfährt einiges über die Protagonistin Silvie, sowie auch ihre dem Wahnsinn nahen Schwester Anna. Beide haben ihr Päckchen zu tragen, ihre alltäglichen Probleme zu meistern. Man schwankt zwischendurch immer wieder in die Vergangenheit sowie gleich darauf wieder in die Gegenwart. Man erkennt, dass Anna eine labile Persönlichkeit ist, doch warum ist sie so geworden? Ihr Mann scheint ein unsympathischer Tyrann zu sein, wirklich lieb gewinnen kann man ihn zwischen den Zeilen nicht. Sie selbst hat mit ihm und ihren zwei Kindern zu kämpfen, was erschreckend ist, da sie diesen schon Beruhigungspillen verabreicht – man merkt, dass diese Frau eigentlich mit nichts mehr klarkommt und dringend ärztliche Hilfe benötigt.

Ganz anders Silvie – sie wird umsorgt, das auch noch von der Jugendliebe ihres Mannes. Was macht denn diese hier in ihrem Haus, was hat das zu bedeuten? Man könnte fast meinen, Sabina hegt und pflegt Silvie wie ihr eigenes Kind, woraus schließen lässt, dass sie vielleicht einen Kinderwunsch hat, der nie erfüllt wurde. Silvie ist jedoch entgegen der Meinung aller anderen noch in dieser Welt, sie bekommt alles mit, kann sich nur nicht verständigen. Selbst hier merkt man, dass hinter der bewegunslosen Silvie noch eine starke Persönlichkeit steckt und sie nicht alles so gelassen nimmt, wie es manch anderer tun würde. Sie möchte sich nicht mit ihrer Situation abfinden und kämpft innerlich dagegen an, was bleibt ihr auch anderes übrig.

Zwischen den Geschwistern Anna und Silvie herrschte wohl seit eh und je immer eine Meinungsverschiedenheit, es kommt einem so vor, als hätten sie sich noch nie so sonderlich leiden können. In der Zeit, als Anna krank war früher und wieder zurück kam aus dem Krankenhaus, war sie eine sehr unsympathische Person. Es kommt einem vor, als hätte man die Prinzessin auf der Erbse vor der Linse – da tut einem Silvie grad leid. Aber was verändert die Schwestern im Laufe der Jahre so? Anna ist einem im Laufe der Geschichte nicht gerade freundlich gesinnt, sie ist eine sehr unangenehme Persönlichkeit – Prinzessin auf der Erbse eben. Wie kommt es nur, dass sich später im Leben alles so grundlegend ändert? Am Anfang der Geschichte tat sie einem fast leid, doch wenn man sie in der Vergangenheit kennenlernt, wird dies schwer. Mittendrin hört man gar nichts mehr von ihr und man selbst als Leser macht sich Sorgen um die arme tablettensüchtige Frau.

Nach einer gewissen Zeit vermag die Geschichte um die zwei Schwestern einen nicht mehr loszulassen, man möchte zu gerne die Hintergründe erfahren, was wirklich passiert ist und wie die zwei sich in der heutigen Lage wiederfinden, wie es dazu kam. Der leichte Schreibstil der Autorin macht es dem Leser zudem leicht, schnell weiterzukommen und die Geheimnisse aufzudecken.

Es wird einem auch immer klarer, wieso genau Sabina dann auf Silvie aufpasst, wieso diese wieder bei Johannes ist. Zwischen den vielen Rückblicken, erhascht man immer wieder einen Blick auf Silvies Gedanken. Einiges ist ihr doch klar, wenn auch im Untergrund ihrer Gedanken.

Was anfangs wie ein normaler Unterhaltungsroman begann, entwickelt sich im Laufe der Zeilen zu einer etwas mehr tiefgründigeren Geschichte, die einem unter die Haut geht. Man versinkt richtig im Geschehen und „wacht“ erst wieder auf, wenn man muss oder wenn man am Ende angelangt ist. Die verschiedenen Personen darin, wie auch immer sie miteinander verbunden sind, teilen alle ein Schicksal – wenn auch jeder sein eigenes. Es geht einem nahe, was ihnen widerfährt.

Auch in diesem Buch sieht man deutlich, wie Sachen, die nicht an die Öffentlichkeit sollten, auch verdeckt bleiben unter dem Mantel des Familienzusammenhalts. Als Außenstehender bekommt man weitgehend nicht alles mit, was wirklich passiert – man kann es zwar ahnen, aber die Sicherheit bleibt aus und man weiß erst recht nicht was man tun soll. Solche Gedankenanstöße bringt einem dieser Roman nahe, er geht einem wirklich unter die Haut und man macht sich über das eine oder andere Gedanken.

Mit allen Personen wird man warm mit der Zeit, man kann schon sagen, wie sie ticken und denken – welche Handlungen sie als nächstes ausführen. Mittlerweile hegt man keinen Groll mehr gegen überhaupt jemanden, es haben alle ihre Päckchen zu tragen.

Wenn sich das Buch dem Ende zuneigt, erschließt sich einem, um was es sich eigentlich dreht – was genau passiert ist, es nimmt eine überraschende Wendung, man erhält einen knallenden Aha-Effekt. Mit so etwas rechnet die Leserschaft in dieser Geschichte mit Sicherheit gar nicht, man fragt sich schon wie es sich auflöst, aber wie es sich dann tatsächlich auflöst, da kommt man nicht drauf.

Ein Buch, dem ich mehr als 5 Punkte geben würde, könnte ich. Hierfür gibt es eine klare Empfehlung an die Leser, die gerne etwas tiefgründiger gehen und sich mit der Geschichte einer Familie auseinandersetzen möchten, die viele Schicksalsschläge verarbeiten möchten. Was sich hier laut Klappentext als unterhaltsames Drama anhört, ist in Wirklichkeit mehr als das – viel mehr!

5 von 5 Punkten

Birgit Böckli – Pias Wolke posted by on 13. Oktober 2011

Pias Wolke ist eine Kurzgeschichte um ein kleines Mädchen, aber keine fröhliche. Die kleine 7-jährige wurde missbraucht und wird nun vom Jugendamt zu einer Familie gebracht, wo sie sich erholen soll und sich eingliedern, leben anfangen zu versuchen.

Diese Kurzgeschichte von Birgit Böckli hat es in sich, sie nimmt einen ganz schön mit, gibt es dies doch nicht nur in Geschichten, sondern ist auch sehr oft in der Realität vertreten. Man selbst nimmt das nicht so wahr, wer mag sich schon mit solchen Dingen auseinandersetzen? Aber sie gibt es und man sollte doch einmal darüber nachdenken, wie arm diese Kinder sind und was sie durchmachen müssen, was anderen erspart bleibt und was für ein schönes Leben man doch lebt. Am Ende dieser Geschichte hatte ich Tränen in den Augen, ich musste mich erst einmal kurz sammeln und konnte auch nicht sofort etwas dazu schreiben, hat die Geschichte mich doch sehr aufgewühlt. Manch einer vergisst, wie gut er es im Gegensatz zu anderen hat und macht sich so gar keine Gedanken darüber, während andere innerlich zerbrechen wegen solchen Dingen…

5 von 5 Punkten

Hier noch ein kleiner Aufruf an alle: Wenn ihr helfen wollt, gerne liest und diese armen Kinder spüren lassen wollt, dass jemand an sie denkt, an ihr Schicksal – kauft euch diese Kurzgeschichte als E-Book, denn die Einnahmen hieraus gehen an ein Heim für Kinder, die mit ihrem Schicksal leben müssen und nicht wissen, wohin sie gehören. Das Heim bringt die Kinder in neue Familien, sorgt für einen guten Platz für sie und bietet ihnen ein besseres Leben. Mehr dazu hier.