Ivonne Keller – Hirngespenster posted by on 13. Januar 2013

Ein Unfall kann unser aller Leben verändern – nicht nur das eigene, sondern auch das der Mitmenschen in unserem Umfeld. Was tun, wenn man sich nicht mehr verständigen kann, aber alles mitbekommt? Keiner vermag es zu sehen, was in einem vorgeht, der sich nicht einmal mehr verständigen kann – bekommt derjenige alles mit oder vegetiert er nur vor sich hin? In ihrem gefühlvollen Roman schildert Ivonne Keller genau so eine Situation, in welchem die Personen mit all ihren eigenen Problemen zu kämpfen haben.

Zwei Schwestern – zwei Probleme. Silvie kämpft mit der Entscheidung, ob sie sich mehr zu ihrem Liebhaber hingezogen fühlt oder ihrem Mann, Anna kämpft mit ihrem Verstand und wie sie alles unter den Hut bekommt. Doch da greift das Schicksal ein und Silvie sieht sich unvermittelt in einer Lage, in der sie sich kaum mehr behaupten kann. Sie muss nach einem Unfall umsorgt werden, da sie sich in keinster Weise mehr verständigen kann noch bewegen, wie sie gerne möchte. Liebevoll kümmert sich Sabina, die Jugendliebe ihres Mannes und auch er selbst um sie – doch was macht Sabina hier? Und wieso kommt Anna nie zu Besuch, geschweige denn ihre Eltern und was ist überhaupt aus ihrem Liebhaber Jens geworden?

Gleich zu Anfang wird man in das gefühlvolle Geschehen hineingerissen. Man erfährt einiges über die Protagonistin Silvie, sowie auch ihre dem Wahnsinn nahen Schwester Anna. Beide haben ihr Päckchen zu tragen, ihre alltäglichen Probleme zu meistern. Man schwankt zwischendurch immer wieder in die Vergangenheit sowie gleich darauf wieder in die Gegenwart. Man erkennt, dass Anna eine labile Persönlichkeit ist, doch warum ist sie so geworden? Ihr Mann scheint ein unsympathischer Tyrann zu sein, wirklich lieb gewinnen kann man ihn zwischen den Zeilen nicht. Sie selbst hat mit ihm und ihren zwei Kindern zu kämpfen, was erschreckend ist, da sie diesen schon Beruhigungspillen verabreicht – man merkt, dass diese Frau eigentlich mit nichts mehr klarkommt und dringend ärztliche Hilfe benötigt.

Ganz anders Silvie – sie wird umsorgt, das auch noch von der Jugendliebe ihres Mannes. Was macht denn diese hier in ihrem Haus, was hat das zu bedeuten? Man könnte fast meinen, Sabina hegt und pflegt Silvie wie ihr eigenes Kind, woraus schließen lässt, dass sie vielleicht einen Kinderwunsch hat, der nie erfüllt wurde. Silvie ist jedoch entgegen der Meinung aller anderen noch in dieser Welt, sie bekommt alles mit, kann sich nur nicht verständigen. Selbst hier merkt man, dass hinter der bewegunslosen Silvie noch eine starke Persönlichkeit steckt und sie nicht alles so gelassen nimmt, wie es manch anderer tun würde. Sie möchte sich nicht mit ihrer Situation abfinden und kämpft innerlich dagegen an, was bleibt ihr auch anderes übrig.

Zwischen den Geschwistern Anna und Silvie herrschte wohl seit eh und je immer eine Meinungsverschiedenheit, es kommt einem so vor, als hätten sie sich noch nie so sonderlich leiden können. In der Zeit, als Anna krank war früher und wieder zurück kam aus dem Krankenhaus, war sie eine sehr unsympathische Person. Es kommt einem vor, als hätte man die Prinzessin auf der Erbse vor der Linse – da tut einem Silvie grad leid. Aber was verändert die Schwestern im Laufe der Jahre so? Anna ist einem im Laufe der Geschichte nicht gerade freundlich gesinnt, sie ist eine sehr unangenehme Persönlichkeit – Prinzessin auf der Erbse eben. Wie kommt es nur, dass sich später im Leben alles so grundlegend ändert? Am Anfang der Geschichte tat sie einem fast leid, doch wenn man sie in der Vergangenheit kennenlernt, wird dies schwer. Mittendrin hört man gar nichts mehr von ihr und man selbst als Leser macht sich Sorgen um die arme tablettensüchtige Frau.

Nach einer gewissen Zeit vermag die Geschichte um die zwei Schwestern einen nicht mehr loszulassen, man möchte zu gerne die Hintergründe erfahren, was wirklich passiert ist und wie die zwei sich in der heutigen Lage wiederfinden, wie es dazu kam. Der leichte Schreibstil der Autorin macht es dem Leser zudem leicht, schnell weiterzukommen und die Geheimnisse aufzudecken.

Es wird einem auch immer klarer, wieso genau Sabina dann auf Silvie aufpasst, wieso diese wieder bei Johannes ist. Zwischen den vielen Rückblicken, erhascht man immer wieder einen Blick auf Silvies Gedanken. Einiges ist ihr doch klar, wenn auch im Untergrund ihrer Gedanken.

Was anfangs wie ein normaler Unterhaltungsroman begann, entwickelt sich im Laufe der Zeilen zu einer etwas mehr tiefgründigeren Geschichte, die einem unter die Haut geht. Man versinkt richtig im Geschehen und „wacht“ erst wieder auf, wenn man muss oder wenn man am Ende angelangt ist. Die verschiedenen Personen darin, wie auch immer sie miteinander verbunden sind, teilen alle ein Schicksal – wenn auch jeder sein eigenes. Es geht einem nahe, was ihnen widerfährt.

Auch in diesem Buch sieht man deutlich, wie Sachen, die nicht an die Öffentlichkeit sollten, auch verdeckt bleiben unter dem Mantel des Familienzusammenhalts. Als Außenstehender bekommt man weitgehend nicht alles mit, was wirklich passiert – man kann es zwar ahnen, aber die Sicherheit bleibt aus und man weiß erst recht nicht was man tun soll. Solche Gedankenanstöße bringt einem dieser Roman nahe, er geht einem wirklich unter die Haut und man macht sich über das eine oder andere Gedanken.

Mit allen Personen wird man warm mit der Zeit, man kann schon sagen, wie sie ticken und denken – welche Handlungen sie als nächstes ausführen. Mittlerweile hegt man keinen Groll mehr gegen überhaupt jemanden, es haben alle ihre Päckchen zu tragen.

Wenn sich das Buch dem Ende zuneigt, erschließt sich einem, um was es sich eigentlich dreht – was genau passiert ist, es nimmt eine überraschende Wendung, man erhält einen knallenden Aha-Effekt. Mit so etwas rechnet die Leserschaft in dieser Geschichte mit Sicherheit gar nicht, man fragt sich schon wie es sich auflöst, aber wie es sich dann tatsächlich auflöst, da kommt man nicht drauf.

Ein Buch, dem ich mehr als 5 Punkte geben würde, könnte ich. Hierfür gibt es eine klare Empfehlung an die Leser, die gerne etwas tiefgründiger gehen und sich mit der Geschichte einer Familie auseinandersetzen möchten, die viele Schicksalsschläge verarbeiten möchten. Was sich hier laut Klappentext als unterhaltsames Drama anhört, ist in Wirklichkeit mehr als das – viel mehr!

5 von 5 Punkten

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